Die einen sagen: Krise! Das spricht man aus wie Angst. Die anderen fragen: Krise? Das klingt nach Chance.
Ein Text aus meinem Lieblings-Wirtschaftsmagazin brand eins.
Chancen
Es wird der Pragmatismus der Unternehmer sein, die in der europäischen Wachstumsstudie von Grothe zu Wort gekommen sind, der den Karren aus dem Dreck zieht, in den ihn andere gefahren haben.
Nicht die Wirtschaft steckt in einer Krise, sondern das Bild, das wir von ihr haben – und das sich nach wie vor auf einige wenige, nicht veränderungswillige Repräsentanten bezieht.
Es geht aber auch ganz anders.
Die Wiener Beraterin Roswita Königswieser kann das bestätigen (s. auch brand eins 08/2003): “Es geht hier darum, von welcher Seite man das System betrachtet”, sagt sie und macht drei große Gruppen aus: “Die einen, die nur jammern – aber das haben die immer getan. Dann die, die alles verdrängen, auch die Notwendigkeit, sich jetzt zu verändern und den Wind des Wandels zu nutzen. Und schließlich die, die heute die Grundlagen für eine bessere Wirtschaft schaffen. Das sind Leute, die sagen: Jetzt wird’s erst richtig spannend. Jetzt haben wir die Chance zu zeigen, wie gut wir sind. Das sind eben nicht die, die die Krise heute als Ausrede dafür missbrauchen, was sie selbst vermasselt haben.”
Königswieser kennt alle drei Gruppen gut. Die Davoser Fraktion, die der Spitzenmanager und Konzernherren aus der allerersten Reihe, repräsentiert überwiegend – Ausnahmen bestätigen nur die Regel – die Jammerer. “Da hat man eigentlich den Eindruck wohlstandsverwahrloster Manager, die alles haben, in Incentives ertrinken und nichts damit anzufangen wissen. Sie sind zutiefst frustriert – und mit Frustrierten kann man einfach keine Veränderung machen.”
Die Veränderer hingegen werden von den Frustrierten gern als naive Zweckoptimisten denunziert. “Das ist schlichtweg falsch”, sagt Königswieser, “denn in dieser Gruppe sind die Unternehmer und Geschäftsführer, die sehr konkret sagen können, was sie jetzt tun und wie sie den Wandel nutzen. Hier sind die Pragmatiker zu Hause – und nicht die Blauäugigen.”
Der Wind
Davon ist auch Udo Nadolski, Deutschland-Geschäftsführer der IT-Beratung Harvey Nash, überzeugt. Das Unternehmen ist – in Zeiten wie diesen – auf Expansionskurs. “Die Krise ist die Grundlage für weitere Erfolge. Wann sonst soll man denn nun ausnutzen, dass man es besser kann als andere?”, fragt Nadolski – und gibt sich selbstbewusst die Antwort gleich selbst: “Wir sehen etwa, dass Mitbewerber Trends und Technologien pessimistisch eingeschätzt haben, sich nicht getraut haben, auf zukunftsfähige Prozesse zu setzen. Aber wenn ich sage, alles ist schlecht, ohne dass ich in der Lage bin, es verändern zu wollen, dann habe ich natürlich keine Zukunft.” In aller Bescheidenheit, darauf besteht Nadolski, möge man das verstehen. Als Mittelstandstugend. Der Mittelstand, die kleinen Unternehmer sind nicht verkopft und analyseverliebt. Sie lösen Probleme. Für Kunden.
Denn das bekannte “Geht nicht, gibt’s nicht” mag großkotzig klingen, es ist aber letztlich eine ganz einfache Sache: Kunden suchen nach Lösungen, die passen – nicht nach irgendwelchen Antworten, die an der Sache vorbeigehen, oder gar nach Ausreden wie jener populären, dass man wegen der Krise – gerade nicht nachdenken könne. Das gibt auch die Empirie der 2600 europäischen Mittelständler her, die Grothe befragte. “Es ist gar nicht kompliziert”, sagt er. “Man muss sich nur eine einfache Frage stellen: Was nützt meinem Kunden, wie kann ich dessen Bedürfnisse befriedigen? Dazu muss ich bereit sein, mit ihm zu reden – und nicht etwa meine Probleme zur öffentlichen Sache erklären.”
Da sind wir an einem wichtigen Punkt angelangt. Denn wer die Kommunikation rund um die Krisenbranchen heute genauer betrachtet, wird erkennen, dass es so gut wie nie darum geht, dass ein in Bedrängnis geratener Konzern Antworten auf die Frage gibt, warum seine Produkte beim Kunden nicht so ankommen, wie seine PR-Leute behaupten. Es wird auch selten darüber geredet, wie man dieses Problem künftig lösen könnte.
Stellen wir den Ton klarer, dann hören wir im Hintergrundrauschen den Klang der Krise. Das Lieblingslied der Farbenblinden kennt nur ein Wort: ich. Immer wieder: ich. Mir geht’s nicht gut. Ich.
Die einen nennen so etwas Krise, die anderen Neurose. Wer aber Farben sieht, der sieht den Kunden – den eigentlichen Wind auf den Mühlen der Unternehmer, die ihre Augen offen haben. Der Kunde hört nicht auf, etwas zu wollen.
Das ist der Wind in den Segeln neuer Geschäfte und Ideen. Wer das nicht sieht, ist farbenblind.
brand eins 3/2009 Text: Wolf Lotter
Hier der ganze Artikel bei brand eins online.
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